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Hans Joachim Reinke im Dialog

„Demokratie braucht Verantwortung“

Friedrich von Metzler, persönlich haftender Gesellschafter der Privatbank B. Metzler und Ehrenbürger der Stadt Frankfurt, und Hans Joachim Reinke, Vorsitzender des Vorstands von Union Investment, sprechen in der Frankfurter Paulskirche über die Anfänge der Demokratie in Deutschland, die Eigenverantwortung der Bürger in Bezug auf ihr Vermögen – und über genossenschaftliches Handeln und Investieren. Das Gespräch fand im März 2017 statt: einen Tag nach der Parlamentswahl in den Niederlanden.

Hans Joachim Reinke: Der Ort unseres Treffens ist ein besonderer. Und auch das Datum: Gestern waren die Wahlen in den Niederlanden – und wir haben ein klares Votum für die Demokratie erleben dürfen.

Friedrich von Metzler: Ich freue mich auch, dass wir uns hier treffen, nicht nur an diesem Datum, sondern auch an genau dem Ort, an dem die ersten demokratischen Gehversuche in Deutschland stattfanden.

Hans Joachim Reinke: Gerade scheint es manchmal so, als würden Teile unserer Gesellschaft unsere demokratische Konstitution infrage stellen. Wir haben in diesem Jahr mit den Wahlen in Frankreich und Deutschland weitere wichtige Termine vor uns. Was würden Sie unserer Demokratie wünschen, damit sie weiterhin eine lebendige Demokratie bleibt?

Hans Joachim Reinke: Der Ort unseres Treffens ist ein besonderer. Die Wahlen in den Niederlanden liegen gerade hinter uns – und wir haben ein klares Votum für die Demokratie erleben dürfen.

Friedrich von Metzler: Ich wünsche mir, dass mehr Menschen bewusst wird, wie wertvoll, verletzlich und nicht selbstverständlich unsere demokratische Gesellschaftsordnung ist.

Hans Joachim Reinke: Es scheint so, als würden Teile der Gesellschaft unsere Demokratie und Werte infrage stellen. Wir haben in diesem Jahr mit den Wahlen in Frankreich und Deutschland weitere wichtige Termine vor uns.

Hans Joachim Reinke: Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Leute aktiv für die Demokratie engagieren. Jeder von uns kann im Kleinen wirken und Vorbild sein.

Friedrich von Metzler: Ich freue mich, dass wir uns hier treffen, genau an dem Ort, an dem die ersten demokratischen Gehversuche in Deutschland stattfanden.

Friedrich von Metzler: Natürlich gibt es populistische Politiker, die versuchen, die Wähler durch Zuspitzungen zu manipulieren und dadurch langfristig unsere demokratische Grundordnung unterminieren können. Aber ich bin trotzdem, wenn ich an unsere Geschichte denke und wenn ich die heutige Zeit ansehe, davon überzeugt, dass die Mehrheit der Deutschen heute demokratisch denkt. Aber ich wünsche mir, dass mehr Menschen ganz bewusst wird, wie wertvoll, verletzlich und nicht selbstverständlich unsere demokratische Gesellschaftsordnung ist, dass man wachsam bleiben muss.

Hans Joachim Reinke: Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Leute aktiv für die Demokratie engagieren. Jeder von uns kann im Kleinen wirken und Vorbild sein. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir da alle in der Verantwortung stehen.

Friedrich von Metzler: Ja, das ist auch meine Überzeugung. Selbst Verantwortung zu übernehmen, ist notwendig und hat insbesondere hier in Frankfurt eine lange Tradition. Wir hatten hier keinen Fürsten, wir waren eine freie Reichsstadt. Und so ist Frankfurt ein Musterbeispiel dafür, wie Menschen für sich selbst sorgen und nicht immer gleich nach dem Staat rufen. Diese Haltung passt, so denke ich, zu Ihrem Unternehmen genauso gut wie zu unserem.

„Unser Leitgedanke lautet: Vermögen vermehren, Vertrauen verdienen. Nur, wenn diese vier Vs gegeben sind, dann haben wir gute Arbeit geleistet."
Hans Joachim Reinke

Hans Joachim Reinke: Ja. Auch wenn das Bankhaus Metzler per se kein genossenschaftliches Unternehmen ist, uns eint ja letztlich doch der Grundgedanke der Genossenschaft: „Was einer alleine nicht vermag, das vermögen viele.“

Friedrich von Metzler: Und das finde ich ganz großartig. Menschen sind doch so wunderbar unterschiedlich. Und wenn man alle diese unterschiedlichen Talente zusammenbringt, dann entsteht etwas Großes. Was mich beeindruckt, ist, dass dieses Leitbild bei Ihnen und bei uns nicht nur auf der institutionalisierten Ebene existiert, sondern auch auf der persönlichen Ebene gelebt wird.

Hans Joachim Reinke: Man arbeitet eben doch wesentlich lieber mit den Menschen zusammen, die die gleichen Werte haben. Niemand in unserer Branche verkörpert für mich die Werte des ehrbaren Kaufmanns so sehr wie Sie und Ihre Bank. Das ist für uns immer ein großer Ansporn gewesen. Wir haben ja bekanntermaßen vor der Finanzkrise als Genossenschaftliche Gruppe das Problem gehabt, ein wenig altmodisch zu wirken. Das Thema Genossenschaft gewann erst wieder an Aktualität, als man sich gerade in der Finanzmarktkrise auf die Wurzeln des Geschäfts, auf die Hilfe zur Selbsthilfe und damit auf die genossenschaftlichen Werte zurückbesonnen hat.

Hans Joachim Reinke ist diplomierter Bankbetriebswirt und seit 1992 in der Union Investment Gruppe tätig. Im Januar 2004 wurde er Mitglied des Vorstands und verantwortet insbesondere das Privatkundengeschäft. Seit dem 1. Juni 2010 ist er Vorstandsvorsitzender der Union Investment Gruppe.

„Menschen sind doch so wunderbar unterschiedlich. Und wenn man alle diese unterschiedlichen Talente zusammenbringt, dann entsteht etwas Großes."
Friedrich von Metzler

Friedrich von Metzler ist seit 1971 persönlich haftender Gesellschafter der Privatbank B. Metzler. Von 1986 bis 1993 gehörte er dem Vorstand der Frankfurter Wertpapierbörse an. Friedrich von Metzler wurde 2004 zum Ehrenbürger von Frankfurt am Main ernannt, im Jahr zuvor wurde ihm das Bundesverdienstkreuz I. Klasse verliehen.

Friedrich von Metzler: Unsere Wertegerüste sind wirklich sehr ähnlich und deswegen arbeiten wir auch so gern mit Ihnen zusammen. Außerdem achten Sie ebenso auf den Charakter Ihrer Mitarbeiter wie wir. Dazu kommt, dass auch unser Bankhaus sich nie kurzfristig an der Rendite orientiert. Für uns kommt zuerst die dauerhafte Kundenzufriedenheit: wenn wir unsere Kunden ernst nehmen, wenn wir die Kunden verstehen und die Kunden sich bei uns wohlfühlen, dann werden sie über Jahrzehnte, vielleicht über Generationen bei uns bleiben. Und dann geht es uns als Bank eben auch gut.

Hans Joachim Reinke: Uns hat immer sehr beeindruckt, dass man bei Ihrem Haus stets klar wusste, was Sie tun und was Sie eben nicht tun – nicht selten sind es ja gerade die Ausschlusskriterien, die verantwortungsvolles Handeln definieren.

Friedrich von Metzler: Da haben Sie Recht. Ich möchte aber noch einmal auf den Begriff des Altmodischen zurückkommen. So wurde das Bankhaus Metzler auch immer wieder eingeschätzt. Aber wir haben uns eben konsequent von Produkten ferngehalten, die in erster Linie dazu dienten, kurzfristig – aber mit hohen versteckten Risiken – die Rendite zu mehren. Es mag wie eine Floskel klingen, aber für Metzler steht das Wohl des Kunden im Mittelpunkt. Bei Ihnen und bei uns – und sicherlich haben beide Unternehmen in den letzten Jahren genau deshalb eine sehr gute kontinuierliche Entwicklung genossen. Unser Bankhaus ist gut durch die jüngsten Finanzkrisen gekommen, weil wir vorgesorgt hatten durch eine hohe Eigenkapitalquote, ausreichend Liquidität sowie viele stille Reserven. Das ist auch unser Rüstzeug für zukünftige Krisen.

Hans Joachim Reinke: Noch viel interessanter fand ich aber, dass Sie nicht nur die Finanzmarktkrise gut gemeistert haben, sondern dass auch während der Krise und danach Ihr Rat mehr und mehr in der Politik gefragt war.

Friedrich von Metzler: Es ist offenbar vielen klargeworden, dass wir eben nicht altbacken und altmodisch sind, sondern dass wir eine klare, langfristige Strategie haben. Wenn Sie in der Geschichte unseres Hauses zurückgehen, dann sehen Sie: Wir haben in den über 340 Jahren unserer langen Geschichte viele Krisen überwunden, und zwar immer alleine, ohne fremde Hilfe. Das beeindruckt die Menschen, wenn sie miterleben, dass gutgeführte Unternehmen Krisen überstehen können, dass sie es sogar schaffen, daran zu wachsen. Dazu kommt, dass Anleger über Aktien an der erfolgreichen Entwicklung vieler Unternehmen teilhaben können. Denn viele gut aufgestellte Unternehmen konnten in schwierigen Zeiten überdauern, während selbst in mündelsicheren Papieren das Geld verloren war. Und deswegen treten wir auch so vehement für die Aktienkultur ein. Weil wir aus der Geschichte wissen: Gute Aktiengesellschaften schwanken vielleicht im Kurs, aber sie überleben schwere Zeiten und entwickeln sich dann wieder positiv.

Hans Joachim Reinke: Das treibt uns natürlich auch um. Wir haben zwar beileibe nicht die lange Geschichte eines Bankhauses Metzler. Aber wir haben hier an diesem Ort im Jahr 2006 unser fünfzigjähriges Bestehen gefeiert. Und wir haben uns auf dem Höhepunkt der Finanzmarktkrise sehr viele Gedanken gemacht und uns gefragt: „Was ist eigentlich die Daseinsberechtigung von Union Investment in der Zukunft?“ Wir umschreiben das mit vier Worten: Vermögen vermehren, Vertrauen verdienen. Nur, wenn diese vier Vs gegeben sind, dann haben wir gute Arbeit geleistet.

Rund eine Stunde unterhielten sich Hans Joachim Reinke und Friedrich von Metzler im Plenarsaal der Frankfurter Paulskirche. In den Jahren 1848 bis 1849 tagten hier die Delegierten der Frankfurter Nationalversammlung. Historiker zählen diese Versammlung zu den ersten demokratischen Gehversuchen in Deutschland.

„Heute gibt es immer noch 972 Genossenschaftsbanken. Heute stehen Sie wieder im Fokus. Dies ist natürlich der aktuellen Marktsituation geschuldet: In einem Niedrigzinsumfeld suchen Menschen aktiv nach Alternativen. "
Hans Joachim Reinke

Friedrich von Metzler wurde am 5. September 2004 zum Ehrenbürger von Frankfurt am Main ernannt. Die höchste Auszeichnung der Stadt wurde seit 1795 bisher erst an 30 Personen vergeben.

Friedrich von Metzler: Und Vermögen gibt es genug: Wir stehen heute der reichsten Bevölkerung gegenüber, die es jemals in Deutschland gab – mit einem Geldvermögen von mittlerweile 5,7 Billionen.

Hans Joachim Reinke: … die aber zu 85 Prozent primär zinsorientiert angelegt sind. Das ist ein großer Ansporn für uns, mehr für die Aktienkultur in Deutschland zu tun – und zwar nicht nur vordergründig für den Anleger: Wir versuchen auch, uns in die positive Streitkultur bei Hauptversammlungen einzubringen, um das zu tun, was uns als Treuhänder der uns anvertrauten Gelder schon ins Gesetz geschrieben ist: die aktive Vertretung von Anlegerinteressen.

Friedrich von Metzler: Union Investment wurde nur elf Jahre nach dem zweiten Weltkrieg gegründet, das zeigt, wie vorausschauend Ihre Vorgänger waren. Denn viele Vermögen waren ja zerstört. Man musste also Angebote machen, mit kleinen Beträgen wieder anfangen zu sparen. Und dass Ihr Haus diesem kleinen Sparer die Möglichkeit gegeben hat, frühzeitig wieder für das Alter oder schwere Zeiten vorzusorgen, das finde ich ganz großartig. Sie haben den Deutschen gezeigt, dass man durch regelmäßiges Ansparen in Wertpapieren auf einen guten durchschnittlichen Einstandskurs kommt. Und wenn man das mit ruhiger Hand über zwanzig oder dreißig Jahre tut, kann man auch bei einer Lehman-Krise, in der die Aktien 30 bis 40 Prozent zurückgegangen sind, nicht mehr unter die Räder kommen. Das haben Sie den Menschen gemeinsam mit den Volksbanken und Raiffeisenbanken vor Augen geführt.

Hans Joachim Reinke: Das ist ja für uns auch ein ganz wichtiges Thema. Heute gibt es immer noch 972 Genossenschaftsbanken. Zurzeit kommen die Beweggründe, wegen derer diese Banken ursprünglich gegründet wurden, wieder in den Fokus. Das ist natürlich auch dem Momentum der aktuellen Marktsituation geschuldet: In einem Niedrigzinsumfeld suchen Menschen aktiv nach Alternativen.

Friedrich von Metzler: Umso mehr freue ich mich, dass unsere Häuser vor kurzem mit dem deutschen Aktieninstitut gemeinsam untersucht haben, wie man mit Aktien für das Alter vorsorgen kann. Das Ergebnis: Nach 20 bis 30 Jahren haben sich die Indizes inklusive Dividenden um sechs bis acht Prozent pro Jahr verbessert. Das ist den meisten Deutschen nicht bewusst: Man spekuliert nicht in Aktien, man investiert in Aktien, man spart in Aktien - und das ist eine der besten langfristigen Sparmethoden.

Hans Joachim Reinke: Das können wir durchaus bestätigen. Und wir haben das ja auch aufgegriffen in der Zusammenarbeit mit dem deutschen Aktieninstitut. Das kommunizieren wir übrigens nicht nur gegenüber dem Sparer, sondern auch der Politik.

Friedrich von Metzler: Ich spreche immer wieder mit Politikern über das Thema der drohenden Altersarmut und dass meiner Meinung nach ein Teil des Problems ist, dass in Deutschland noch viel zu wenig in Aktien gespart wird. Die meisten stimmen mir zu - und gleichzeitig haben immer noch die Deutschen generell einen Argwohn gegenüber dem Kapitalmarkt. Sie glauben, dass dort auf dem Rücken der arbeitenden Bevölkerung spekuliert wird. Aber wir spekulieren nicht, wir investieren. Der Deutsche freut sich bei der Aktienanlage am meisten über einen realisierten Kursgewinn. Die ordentlichen Dividenden vergisst er gern dabei. Genau die sind aber unser Ziel. Sie sind der ausschlaggebendere Schlüssel für die langfristig gute Entwicklung beim Sparen.

 

„Vermögen vermehren, Vertrauen verdienen. Nur, wenn diese vier Vs gegeben sind, dann haben wir gute Arbeit geleistet“, beschreibt Hans Joachim Reinke den Anspruch, den er an sich und die Mitarbeiter von Union Investment hat.

Nach einem Luftangriff im zweiten Weltkrieg brannte die Paulskirche, wie viele der umliegenden Bauten der Frankfurter Altstadt, aus. Nach Ende des Krieges wurde sie wieder neu errichtet. Zum hundertsten Gedenktag der Nationalversammlung wurde sie am 18. Mai 1948 als Haus aller Deutschen wiedereröffnet. Seitdem ist sie ein nationales Denkmal und wird für Ausstellungen und öffentliche Veranstaltungen genutzt.

Hans Joachim Reinke: Die langfristige Anlage in Aktienfonds ist vor allem für die Altersvorsorge enorm wichtig. Daher sind wir immer wieder sehr verwundert, wenn zu lesen ist, die Riesterrente lohne sich nicht, Riester sei zu teuer. Wir arbeiten dagegen. Eine gute Riesteranlage mit Aktienfonds ist noch immer eine sehr gute Ansparstrategie und sie zahlt sich für den Sparer auch aus. Allerdings muss sich der Sparer mit seinem Berater selbst darum kümmern.

Friedrich von Metzler: Das hatten wir ja schon eingangs festgestellt: Wir brauchen mehr Eigeninitiative. Optimistisch stimmt uns der steigende Absatz Ihrer Wertpapierfonds; es scheint, dass sich doch langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass man selbst aktiv werden muss und sich nicht einfach nur auf den Staat verlassen sollte. An dieser Stelle ist das genossenschaftliche Verhalten besonders beispielgebend, denn Sie sind ja schon über Ihre geschäftliche Verfassung zutiefst demokratisch. Sie arbeiten mit Hunderten von verschiedenen Banken und sind stets im Kundeninteresse vor Ort.

Hans Joachim Reinke: Absolut, denn niemand kann die Verhältnisse, sowohl der Privatkunden als auch der Firmenkunden, besser beurteilen als eine Bank vor Ort.

Friedrich von Metzler: Als nach dem Krieg der Wiederaufbau der Industrie kam, waren sie enorm wichtig, weil sie im ganzen Land verteilt waren. Viele Unternehmen im ländlichen Bereich sind heute internationale Weltmarktführer. Die hätten nicht gegründet werden können und hätten sich nicht entwickeln können, wenn nicht eine Volksbank, Raiffeisenbank oder Genossenschaftsbank vor Ort gewesen wäre, die das Risiko beurteilen und eine vernünftige Finanzierung bereitstellen konnte.

Hans Joachim Reinke: Neben den demokratischen Werten und der Subsidiarität ist diese lokale Vernetzung der dritte große Baustein unseres Fundaments. Und ich bin sicher, dass wir mit diesen drei Prinzipien auch weiterhin unserem Anspruch gerecht werden: Wir waren gestern da, wir sind heute da und werden auch morgen da sein.