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Alexander Schindler im Dialog

„Asset Management heißt, Fragen zu stellen“

Marlehn Thieme ist Rechts- und Sozialwissenschaftlerin und Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung. Gemeinsam mit Alexander Schindler, Mitglied des Vorstandes der Union Asset Management, diskutiert sie die Frage: Wie wichtig sind Werte in Zeiten des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruchs?

Marlehn Thieme: Wer hätte das gedacht: Ausgerechnet die altmodische Frage, nach welchem Wertekanon wir miteinander leben wollen, steht heute wieder ganz oben auf der Tagesordnung.

Alexander Schindler: Ich glaube, dass Wertesysteme vor allem seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 eine völlig neue Bedeutung bekommen haben. Die Menschen haben so viele Fragen wie nie zuvor, sie haben das Bedürfnis nach Leitlinien, nach Führung – umso wichtiger ist es, dass die Verantwortlichen in Wirtschaft und Gesellschaft nun nicht um Antworten verlegen sind.

Alexander Schindler: Die Menschen haben so viele Fragen wie nie zuvor, sie haben das Bedürfnis nach Leitlinien, nach Führung – umso wichtiger ist es, dass die Verantwortlichen in Wirtschaft und Gesellschaft nun nicht um Antworten verlegen sind.

Marlehn Thieme: Die Welt verträgt auf Dauer keine große Ungerechtigkeit. Wir brauchen eine Verständigung über gemeinsame Werte. Das ist natürlich in Zeiten der Globalisierung aufgrund der mannigfaltigen kulturellen Unterschiede viel schwieriger geworden. Hier in Deutschland sind wir glücklicherweise schon seit Jahrzehnten sehr werteorientiert.

Marlehn Thieme: In meiner Heimat Lübeck hatte der ehrbare Kaufmann traditionell ein hohes Ansehen. Thomas Mann hat dieses vertrauenswürdige, ganzheitliche und nachhaltige Handeln, was wir auch Hanseatentum nennen, immer wieder in seinem literarischen Werk verarbeitet.

Alexander Schindler: Unsere Anleger haben sehr individuelle Vorstellungen von dem, was für sie an ethischen Grundlagen entscheidend ist oder was sie unter nachhaltigem Wirtschaften verstehen. Es wäre fatal zu glauben, man könne hier schnell oder einfach einen Standard schaffen.

Die Weißfrauen Diakoniekirche setzt mit ihrer architektonischen Schönheit und ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zum Diakoniezentrum WESER5 immer wieder besondere Akzente im Austausch mit kulturellen und sozialen Themen in Frankfurt am Main. Mit Diskussions- und Diakonieforen, Fachtagen und Kulturprojekten rückt sie soziale Themen in Frankfurt in den Blick und informiert über die vielen Facetten der diakonischen Arbeit.

Marlehn Thieme: Wir müssen in die Zukunft schauen, in der unsere Kinder und Enkel künftig leben werden. Da gibt es für mich drei Herausforderungen: zum einen den Umweltschutz, zum anderen das Thema der ökonomischen Gerechtigkeit und drittens dauerhaft neue Integrationsleistungen erbringen zu müssen.

Marlehn Thieme: Ich begrüße es, dass diese Wertediskussion zunehmend ernsthaft geführt wird, dass Menschen und Unternehmen sich dazu mehr bekennen als früher. Allerdings: Unternehmen an sich können natürlich keine Werte haben. Das können nur Menschen. Daher kommt es heute so sehr auf die Führungskräfte an. Sie müssen klarstellen, was ihre Verantwortung, ihre Wertebasis ist – und damit offensiv in den Dialog gehen.

Alexander Schindler: So bewerten wir Vorstandsarbeit heute: Kurzfristiger Profit ist kein Asset. Es geht darum, nachhaltig zu wirtschaften, um den Wohlstand der Gesellschaft mittel- und langfristig zu sichern. Nur wenn wir diesen Wohlstand in die Breite tragen – und zwar nicht nur hierzulande, sondern über die Grenzen hinaus – können wir als weltweite Gemeinschaft dauerhaft in Frieden leben.

„Unternehmen an sich können natürlich keine Werte haben. Das können nur Menschen. Daher kommt es heute so sehr auf die Führungskräfte an. Sie müssen klarstellen, was ihre Verantwortung, ihre Wertebasis ist – und damit offensiv in den Dialog gehen."
Marlehn Thieme

Marlehn Thieme: Flüchtlinge und Zuwanderung zeigen: Die Welt verträgt auf Dauer keine große Ungerechtigkeit. Wir brauchen eine Verständigung über gemeinsame Werte. Das ist in Zeiten der Globalisierung aufgrund der vielfältigen kulturellen Unterschiede schwieriger geworden. Hier in Deutschland führen wir diesen Dialog - christlich geprägt und vielleicht aufgrund eines konfessionellen Wettbewerbs – und früher an der Grenze zur sozialisitischen Wirtschaftsform schon seit vielen Jahrzehnten. Und wir ernten Früchte dieser „Wertarbeit“, weil die soziale Marktwirtschaft, auch im Genossenschaftsbereich, dazu führt, dass die Menschen sich selbst als Akteure mit Eigenverantwortung wahrnehmen können.

Alexander Schindler: Verantwortung ist ein gutes Stichwort. Brechen wir das doch einmal auf die ureigenen Aufgaben der Finanzwirtschaft herunter: Bei den Banken ist es die Kreditversorgung, bei Versicherungen die Sicherung und Absicherung von Risiken – und bei Fondsgesellschaften eben die Wahrnehmung der treuhänderischen Funktion für die Anleger: Ich bin der festen Überzeugung, dass man heute – egal, ob man sich an Aktien beteiligt oder als Gläubiger Geld zur Verfügung stellt – Grundprinzipien des nachhaltigen Wirtschaftens sowie soziale und ökologische Aspekte in seine Bewertungen einbeziehen muss. Dann stellt sich auch nachweislich wirtschaftlicher Erfolg ein.

Alexander Schindler ist seit 2004 Mitglied des Vorstandes der Union Asset Management Holding AG und verantwortet die institutionellen und die internationalen Geschäftsaktivitäten. Er ist zudem seit 2007 Mitglied des Board of Directors der BEA Union Investment Management Limited, Hongkong. Er wurde im Juni 2015 zum Präsidenten von EFAMA, der European Fund and Asset Management Association, gewählt. Schindler ist gelernter Bankkaufmann und Volljurist.

„Ich bin der festen Überzeugung, dass man heute – egal, ob man sich an Aktien beteiligt oder als Gläubiger Geld zur Verfügung stellt – Grundprinzipien des nachhaltigen Wirtschaftens sowie soziale und ökologische Aspekte in seine Bewertungen einbeziehen muss."
Alexander Schindler

Marlehn Thieme ist seit 2012 Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung. Dieses Gremium berät die Bundesregierung in Fragen der Nachhaltigkeit und bei der Umsetzung und Weiterentwicklung der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie. 2015 wurde Sie zur Aufsichtsratsvorsitzenden der Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank gewählt, zudem ist die Juristin Vorsitzende des ZDF-Fernsehrates.

Marlehn Thieme: Das kann man noch weiter fassen. In meiner Heimat Lübeck beispielsweise hatte der ehrbare Kaufmann traditionell ein hohes Ansehen. Thomas Mann hat dieses vertrauenswürdige, ganzheitliche und nachhaltige Handeln in seinem literarischen Werk verarbeitet: In einer überschaubaren Gesellschaft wurde kontrolliert: Wie behandelt jemand seine Mitarbeiter? Wie geht er mit Armen, Schwachen, Kranken um? Wie bildet man aus, wie fördert man? Und genau diese Transparenz und soziale Kontrolle benötigen wir auch als  DNA einer modernen globalen und digitalen Gesellschaft.

Alexander Schindler: Genau (lacht)

Marlehn Thieme: Daher müssen wir uns die Digitalisierung zunutze machen, um an bestimmten Kriterien zu verdeutlichen, was wir heute unter verantwortlichem Wirtschaften verstehen. Und wir dürfen diese Transparenzerfordernisse nicht als zusätzliche bürokratische Hürden verteufeln, sie sind vielmehr das Mittel der Wahl, nachhaltiges Agieren in unserer digitalen, globalen Wirtschaftswelt erkennbar zu machen.

Alexander Schindler: Ziel muss sein, dass jeder Teilnehmer an der Wirtschaft ein Interesse hat, diese Wertetransparenz zu erzeugen oder zu gewährleisten. Denn nur dann gelten am Ende des Tages wirklich die gleichen Wettbewerbsbedingungen für alle.

Marlehn Thieme: Der Wettbewerb muss auch die übernommene Verantwortung berücksichtigen, nur dann haben wir wirklich fairen Wettbewerb. Daher benötigen wir Transparenz über die Nachhaltigkeitsleistungen der Wirtschaft.

Alexander Schindler: Absolut. Unsere Anleger beispielsweise haben sehr individuelle Vorstellungen von dem, was für sie an ethischen Grundlagen entscheidend ist oder was sie unter nachhaltigem Wirtschaften verstehen. Es wäre fatal zu glauben, man könne hier schnell oder einfach einen Standard schaffen.

Marlehn Thieme: Trotzdem: Für Sie als Asset Manager sind Werte und Transparenz umso wichtiger, weil sie eine Doppelrolle haben. Sie haben ja nicht nur eine genossenschaftliche Verantwortung, sondern sind zugleich Treuhänder für Mittel von Dritten. Das schafft die Notwendigkeit, sehr deutlich zu kommunizieren, wofür man eigentlich steht.

Alexander Schindler: Wir haben als Union Investment im letzten Jahrzehnt gezeigt, wie wichtig es ist zu verstehen, was ein Unternehmen, in das man investiert, eigentlich tut. An dieser Transparenz haben wir als Anlegervertreter ein ureigenes Interesse, damit wir – um mit Aschenputtel zu sprechen – die Guten von den Schlechten trennen können. Dazu müssen wir bei Investments sehr genau hinschauen und die richtigen Fragen stellen.

Etwa eineinhalb Stunden nahmen sich Marlehn Thieme und Alexander Schindler Zeit, um sich in der Weißfrauen Diakoniekirche in der Frankfurter Gutleutstraße rund um das Thema Nachhaltigkeit in der Finanzindustrie auszutauschen.

„Wir müssen bei Investments sehr genau hinschauen und die richtigen Fragen stellen“, zeigt sich Alexander Schindler überzeugt. Denn um die Interessen der Anleger zu wahren, sei größtmögliche Transparenz von sehr hoher Wichtigkeit.

Marlehn Thieme: Ich habe mit Interesse gesehen, dass Sie in ihren Publikationen sehr ausführlich aufzeigen, welche Aktionärsrechte Sie wahrnehmen, wo Sie auf Hauptversammlungen von Ihren Rechten als Investmentgesellschaft Gebrauch machen oder auch einmal mit Gegenstimmen oder Enthaltungen arbeiten.

Alexander Schindler: Wir haben Einfluss und nutzen ihn. Ich bin übrigens davon überzeugt, dass das, was wir bereits praktizieren, irgendwann der Standard für nachhaltiges Investieren sein wird. Darauf ruhen wir uns aber nicht aus, sondern treiben Innovationen weiterhin voran.

Marlehn Thieme: Brauchen wir diese Offenheit für Nachhaltigkeits-Innovationen nicht in allen Lebensbereichen? Jeder muss doch darüber nachdenken, was er in seinem Bereich besser machen kann. Ich sehe das Risiko, dass uns die Altersstruktur unserer Gesellschaft hier zunehmend im Weg steht.

Alexander Schindler: Das ist nicht zuletzt eine Frage des gesellschaftspolitischen Bewusstseins: Wir haben jetzt 70 Jahre Frieden und Wohlstand in Deutschland. Die Babyboomer haben noch dafür eingestanden, diese Demokratie und diese Wirtschaft aktiv mitzugestalten. Ich halte es für ein unverzichtbares Asset für die Zukunft, dass wir gerade jetzt, trotz aller Herausforderungen durch den Brexit oder die Entwicklungen in den USA, den europäischen Zusammenhalt im engen Verbund mit unseren Nachbarstaaten stabilisieren.

Marlehn Thieme: Und wir müssen in die Zukunft schauen, in der unsere Kinder und Enkel künftig leben werden. Da gibt es für mich drei Herausforderungen: Zum einen den Umweltschutz, zum anderen das Thema der ökonomischen Gerechtigkeit, und drittens – durch fortwährende Zuwanderung – die Notwendigkeit, dauerhaft neue Integrationsleistungen erbringen zu müssen.

Alexander Schindler: Gutes Beispiel. Es ist ja in den letzten Jahren häufig das Petitum der Regulierung gewesen, Krisen von gestern in der Zukunft zu vermeiden. Aber die Krise von morgen wird eine ganz andere sein als die gestrige. Wir müssen auf Krisen zunehmend flexibel reagieren, ob als Individuum oder als Unternehmen.

Marlehn Thieme: Wir haben jetzt sieben Jahre ununterbrochen großes Wachstum hinter uns. Die Bibel spricht ja von sieben fetten und sieben mageren Jahren. Und zeigt uns, dass auch in mageren Jahren vergnügt weiter gelebt wurde, weil es eben nicht nur auf Materielles ankommt. Das ist eine Grundkritik, die ich bekräftigen möchte: dass viele das Materielle überbewerten. Wir müssen, unser Wirtschaften nicht nur auf die materielle, sondern mehr auf die menschlich-soziale und ökologische Komponente hin ausrichten.

Alexander Schindler: Das sehen wir ähnlich: Schon vor zehn Jahren brachten wir im Rahmen unserer Aktion „Mitmenschen“ Mitarbeiter aus unterschiedlichsten Gewerken und Standorten zusammen, um soziale Projekte zu betreuen. Der überwältigende Zuspruch zu dieser Aktion zeigte, dass soziale Arbeit nicht nur eine gewisse Demut lehrt angesichts der Probleme, vor denen viele Menschen stehen – sie ist auch ungemein erfüllend.

Ein Team von fünf Leuten begleitete Marlehn Thieme und Alexander Schindler bei ihrem Gespräch und hielt die Ergebnisse in Wort und Bild fest.