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Panorama

Zurück in die Zukunft

Ob Privatanleger, institutioneller Investor oder Fondsgesellschaft: Wer auf künftige Entwicklungen setzt, braucht Modelle, Statistiken und Erfahrungswerte – genau wie für die Wettervorhersage und demographische Berechnungen. Dabei funktioniert der Blick nach vorne selten ohne den Blick zurück.

„Und nun die Wettervorhersage für …“ – seit am 1. März 1960 zum ersten Mal die Wettervorhersage für die gesamte damalige Bundesrepublik Deutschland auf einer Wetterkarte abgebildet wurde, gehört dieser Satz zu den wohl meistgesagten im deutschen Fernsehen. Ob es in den kommenden Tagen heiter bis wolkig oder doch eher regnerisch-stürmisch wird, ob und wo es und zu welchem Zeitpunkt zu Unwettern, zu gefährlichem Seegang oder gar zur Ausbreitung von radioaktiven Partikeln, Vulkanasche und Mineralstaub kommen kann, wird Tag für Tag auf Basis komplizierter rechnerischer Verfahren prognostiziert. Ähnlich wie Portfoliomanager, die mit Unternehmens- und Börsendaten Kursentwicklungen prognostizieren, betreibt und entwickelt der Deutsche Wetterdienst komplexe und datenintensive sogenannte „numerische Wettervorhersagemodelle“. Von einem oder mehreren Anfangszuständen am Erdboden und in der Atmosphäre aus werden mögliche Weiterentwicklungen berechnet.

„Wir berechnen aus dem, was wir aus den letzten Jahrzehnten gelernt haben, wie sich die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird."
Olga Pötzsch, Referentin Demografische Analysen, Methoden und Vorausberechnungen beim Statistischen Bundesamt

Berechnen, was nachvollziehbar ist

Wer Aussagen über die Zukunft treffen will, muss die Vergangenheit sehr genau kennen. Das ist nicht nur bei Fondsmanagern so, sondern auch bei Meteorologen, die über ein weltweit verzweigtes System ungeheure Mengen von Wetterdaten sammeln und speichern, um aus ihnen zu lernen und sie mit aktuellen Wetterlagen zu vergleichen. Auch im Statistischen Bundesamt wird im gesetzlichen Auftrag „nur das berechnet, was nachvollziehbar ist“, wie Olga Pötzsch sagt. Sie ist als Referentin zuständig für demografische Analysen, Methoden und Vorausberechnungen, die sich auf die fortlaufende Entwicklung von Privathaushalten und der Bevölkerung beziehen. „Maßgeblich für die Bevölkerungsentwicklung sind sehr viele Faktoren, deren Einfluss in der Regel erst nach Jahrzehnten sichtbar wird. Wir berechnen also aus dem, was wir aus den letzten Jahrzehnten gelernt haben, wie sich die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird.“

Eine wichtige Datengrundlage für die Basisbevölkerung bilden die Ergebnisse des Zensus im Jahr 2011 zur Bevölkerung nach Geschlecht und Geburtsjahrgängen. Die Annahmen zu demografischen Faktoren beruhen wiederum auf den Zeitreihen zur Entwicklung der Geburten, der Sterblichkeit und der Wanderungen. „Wir zeigen anhand von getroffenen Annahmen, wie sich die weitere Entwicklung der Einflussfaktoren auf die künftigen Bevölkerungszahlen auswirken würde,“ so Olga Pötzsch. Je breiter die Datenbasis, desto fundierter sind diese Annahmen.

Viele Faktoren beeinflussen die Bevölkerungsentwicklung. Wie genau, wird erst später klar. Jedoch lassen fundierte Annahmen Prognosen zu.

„Insgesamt habe ich den Eindruck, dass Entscheidungen heute faktenbasierter getroffen werden als früher.“
Dr. Michael Böhmer, Chefvolkswirt des Instituts „Prognos“

Meteorologie im Wandel: Diese Modelle sind im Taunus Observatorium am kleinen Feldberg zu sehen.

Vom Heute auf das Morgen schließen

Ähnlich arbeitet auch Dr. Michael Böhmer, Chefvolkswirt des Instituts „Prognos“. Seit 1959 erstellt das Institut im Auftrag von Politik und Wirtschaft Prognosen, um seinen Kunden Wissens- und damit Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Böhmer unterscheidet hierbei zwischen Prognosen und Szenarien: „Ein Szenario ist immer eine Wenn-dann-Aussage, etwa wenn die Geldpolitik der EZB weiterhin so expansiv bleibt, dann geschieht dies und das – unabhängig von der Frage, ob wir annehmen, dass es so sein wird“, so Böhmer. Um Eventualitäten weitgehend auszuschließen, werden folglich verschiedene Szenarien nebeneinandergestellt – eine Arbeitsweise, die übrigens auch bei der Bewertung von Aktienwerten zum Einsatz kommen kann.

Eine Prognose ist hingegen eine Entwicklung, die unter bestimmten Gegebenheiten als wahrscheinlich erachtet wird. Auch dafür werden umfangreiche Daten aus der Vergangenheit und Gegenwart analysiert, um verschiedene Entwicklungen und Zusammenhänge zwischen einzelnen Faktoren feststellen zu können. Böhmer: „Die Exportentwicklungen zum Beispiel hängen neben anderen Größen immer in einem großen Maße davon ab, wie sich die Wirtschaft im Land und wie sich die Märkte in anderen Ländern entwickeln. Weil ein vergleichsweise stabiler Zusammenhang zwischen diesen Determinanten und dem Export existiert, können wir daraus auch verlässliche Prognosen errechnen.“

Entscheiden in postfaktischen Zeiten

Und welchen Sinn haben Prognosen? Dr. Michael Böhmer: „Wir können beobachten, dass die Entscheidungen unserer Auftraggeber natürlich nicht nur, aber eben auch unter Berücksichtigung unserer Ergebnisse getroffen werden. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass Entscheidungen heute faktenbasierter getroffen werden als früher. Auch wenn viele politische Debatten nicht diesen Eindruck erwecken.“