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Portfoliomanagement

Neue Koordinaten für die Zukunft

Was bringen die Märkte morgen? Kennzahlen, Statistiken und Modelle geben hierauf scheinbar Antworten. In Zeiten von Big Data sind immer mehr Daten verfügbar. Wie soll man mit diesen umgehen? Ein Blick hinter die Kulissen des Portfoliomanagements.

2016 war ein Jahr der Emotionen. Angefangen mit dem China-Crash, bei dem die Behörden mit einem automatischen Handelsstopp die Märkte beruhigen wollten und bei den Anlegern überraschend das Gegenteil erreichten. Auch zwei OPEC-Treffen, bei denen eine Förderbeschränkung zugunsten des Ölpreises diskutiert wurde, brachten die Weltbörsen ins Wanken. Dazu schürten unkalkulierbare politischen Ereignisse, der Brexit und die US-Wahl, Stimmungen zwischen Optimismus, Euphorie und Unsicherheit. Die Reaktionen fielen deutlich emotionaler aus als aus rational ökonomischer Sicht anzunehmen.

Flow Cockpit – neue Sicht auf Märkte

Wie Investoren auf unvorhersehbare Situationen reagieren werden, dem geht Dr. Moritz Heiden bei Union Investment auf den Grund. „Für uns stellt sich die Frage, wie wir Stimmungen einfangen, analysieren und daraus Schlüsse ziehen können“, sagt der Portfoliomanager. Mit seinen Kollegen, Wirtschaftswissenschaftlern und -mathematikern, arbeitet er im Quant-Team. Das ist der Teil des Portfoliomanagements, in dem auf Basis statistischer Methoden Anlagestrategien entstehen. Im April 2016 begann Heiden damit, für die Fondsgesellschaft eine aussagekräftige Flow-Analyse zu entwickeln. Dabei handelt es sich um eine Analyseform, bei der reale Kapitalflüsse und Marktpositionierungen berücksichtigt werden, aber auch gefühlte und potentielle Stimmungen, sogenannte „Sentiments“. „Flow Cockpit“, so heißt Heidens noch neues Wirkungsfeld. „Es geht hier um eine neue Sicht auf die Märkte“, erklärt er.

Der Einfluss systematischer Investoren – Hedgefonds oder große institutionelle Anleger – auf die Aktienmärkte ist einer von drei Bereichen, den die Analysten besonders beachten. Daneben sind die Positionierung von institutionellen und privaten Investoren sowie die unterschiedlichen Marktstimmungen, die unter institutionellen und privaten Anlegern herrschen, ausschlaggebend. Die Signale, die die Analysten mittels quantitativer Modelle aus diesen Bereichen generieren, gibt Heiden regelmäßig an die Portfoliomanager von Union Investment weiter. Diese wiederum nutzen die Informationen direkt für ihre Anlageentscheidungen, bei denen sie stets zwischen Risiko und Chance abwägen. So kommt die Flow-Analyse den Kunden von Union Investment zugute.

Doch nicht nur die Stimmungen draußen im Markt sind wichtig; auch die Portfoliomanager von Union Investment werden jede Woche online nach ihrer eigenen Marktstimmung gefragt. Dann geben sie ihre spontane Einschätzung zur Entwicklung verschiedener Märkte für etwa einen Monat. „Das hat Begeisterung ausgelöst, wie wir an den Teilnehmerzahlen sehen können“, sagt Heiden. Und: Bereits nach kurzer Zeit zeigt sich, dass die Teilnehmermischung aus unterschiedlichen Schwerpunktbereichen ein belastbares Bild ergibt. So liegt die Trefferquote richtiger Einschätzungen zur Entwicklung von Bundesanleihen etwa bereits bei 80 Prozent.

Arbeitsfeld „Flow Cockpit“: Portfoliomanager Dr. Moritz Heiden betrachtet die Märkte aus einer neuen Perspektive.

„Wir profitieren unter anderem von der zunehmenden Digitalisierung und Datenverfügbarkeit."
Dr. Moritz Heiden, Quantitativer Analyst und Portfoliomanager im Quant-Team

Dr. Moritz Heiden studierte Mathematische Finanzökonomie an der Universität Konstanz und promovierte anschließend an der Universität Augsburg in Finanzmarktstatistik und Ökonometrie. Heute ist er Quantitativer Analyst und Portfoliomanager im Quant-Team bei Union Investment, wo er auf die Flow-Analyse spezialisiert ist.

Emotionen bestimmen das Marktgeschehen

Die Flow-Analyse gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die Entwicklung der Märkte heutzutage ist nicht mehr allein mit ökonomischen Kennzahlen zu erklären. Emotionen wirken stärker denn je. „Uns bietet einerseits das Feld der ‚Behavioral Finance‘, welches sich über die letzten Jahre weiterentwickelt hat, einen neuen Blickwinkel auf Marktphänomene. Andererseits profitieren wir von der zunehmenden Digitalisierung und Datenverfügbarkeit“, sagt Heiden. Letzteres hat auch den Berufsalltag seines Kollegen Nikolas Gerlich entscheidend geprägt. Er ist im Quant-Team der Spezialist für Smart Data. Fragt man ihn, welcher der vielen Wege zur Datengewinnung aus seiner Sicht besonders sinnvoll sind, ist seine erste Antwort: Textmining. Täglich können mit dieser Technologie viele Millionen Texte analysiert werden – Nachrichten aus der New York Times oder der Süddeutschen, aber auch Posts in sozialen Medien oder Blogs. „Textmining ermöglicht uns, aus der Vielzahl an Texten, die es auf der Welt gibt, Informationen, Fakten und Stimmungen herauszufiltern.“ Welchen Einfluss haben etwa Medienberichte über Entlassungen und Restrukturierungen in einem Unternehmen auf den Aktienkurs? Wie reagieren Staatsanleihen, wenn in sozialen Netzwerken Gerüchte zu Sanktionen oder drohenden Staatspleiten aufkommen?

Ob Aktien, Unternehmensanleihen, Staatsanleihen, Währungen oder Rohstoffe – „Textmining ist prinzipiell für alle Assetklassen sinnvoll, auch das macht es so interessant“, sagt Gerlich. Auch andere Möglichkeiten, Daten zu sammeln, hat er im Blick und prüft sie auf Tauglichkeit für Union Investment. „Es gibt Satelliten, die Parkplätze großer Einzelhandelsunternehmen aufnehmen“, schwärmt der Analyst. „Algorithmen zählen etwa automatisch, wie viele Autos theoretisch dort stehen könnten und zu wie viel Prozent die Parkplätze ausgelastet sind. Das kann anzeigen, wie gut es für das jeweilige Unternehmen läuft, aber auch, wie hoch die Konsumbereitschaft in diesem Land ist.“ Natürlich schauen auch Wettbewerber auf solche Technologien, doch das schreckt Gerlich nicht: „Wir müssen uns in diesem Bereich nicht verstecken, wir sind frühzeitig gestartet und auf einem vielversprechenden Weg.“

Nikolas Gerlich studierte VWL an der Universität Tübingen. Um seinen Werkzeugkasten für den Beruf zu erweitern, setzte er anschließend in Oxford ein Studium in Angewandter Statistik darauf – „ein für das aktuelle Berufsbild typischer Werdegang“, sagt er. Auch Gerlich ist Quantitativer Analyst und Portfoliomanager im Quant-Team. Er ist auf die Smart Data Analyse spezialisiert.

„Mensch und Computer rücken in Zeiten von Smart Data näher zusammen, die Informationsaufbereitung ändert sich."
Nikolas Gerlich, Smart-Data-Spezialist

Tägliche Textanalyse: Nikolas Gerlich ist Spezialist für Smart Data und wertet auf dem digitalen Weg jeden Tag Millionen Texte aus. Am Griff zur klassischen Zeitung hindert ihn das nicht.

Übersetzer der Daten

Mit seinem Engagement im Bereich Smart Data reagiert Union Investment auf neue Möglichkeiten für das Portfoliomanagement. Gefragt sind dabei neben Finanzmarktwissen und mathematischen und statistischen Kenntnissen vor allem Ideen, wie sich neue Daten als Grundlage für Anlageentscheidungen nutzen lassen: „Sowohl Smart Data als auch die Flow-Analyse sollen helfen, bessere Anlageentscheidungen zu treffen“, resümiert Gerlich. Dafür zählt nach den Worten seines Kollegen Dr. Heiden das rechte Maß: „Wir sehen das Potenzial, aber auch Risikomanagement gehört zu unserem Job: Bei allem, was wir entwickeln, wollen wir uns zuerst sicher sein, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Deshalb stehen intensive Tests am Beginn jeder Neueinführung. Als sehr wichtig empfindet Heiden außerdem den persönlichen Kontakt zu den anderen Portfoliomanagern. „Wir brauchen die Rückmeldung, wie sie die Märkte erleben und mit welchen Analysen wir ihnen helfen können.“ Mehr denn je zähle heute die Interaktion und Kommunikation, ergänzt Gerlich: „Mensch und Computer rücken in Zeiten von Smart Data näher zusammen, die Informationsaufbereitung ändert sich. Am Ende steht weiterhin der Mensch, der die Erkenntnisse aus den Daten übersetzen und geeignet nutzen muss.“