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Engagement

Die Rolle des aktiven Aktionärs

Die jährliche Hauptversammlung ist das wichtigste Datum im Konzernkalender. Als aktiver Aktionär beim Autokonzern BMW nutzt Union Investment sein Stimm- und Rederecht. Norbert Mayer, Leiter Konzern Treasury bei BMW, und Senior Portfoliomanager Ingo Speich sprechen über den offenen Investorendialog.

Herr Speich, die Saison der Hauptversammlungen ist in vollem Gange. Was treibt Sie dieser Tage um?

Ingo Speich: Auch wenn von Union Investment ich derjenige bin, der auf Hauptversammlungen vorn steht und redet, ist die Vorbereitung Teamarbeit. Mit dabei ist etwa unser Spezialist für den Automobilsektor, der das BMW-Konzerngeschehen seit Jahrzehnten verfolgt. Auch Kollegen im Nachhaltigkeitsteam liefern Informationen. Um das gesammelte Wissen zusammenzubringen, setzen wir uns an einen Tisch. Vor der Hauptversammlungsrede werden die Punkte in Gesprächen mit dem Unternehmen jedoch unterjährig größtenteils bereits diskutiert. Leistet ein Unternehmen intensive Investor-Relationship-Arbeit, kennt es seine Anleger und weiß, wo der Schuh drückt. Ein letzter Anknüpfungspunkt vor der Hauptversammlung bietet sich bei einem Treffen mit Herrn Mayer.

Herr Mayer, wie bereiten Sie sich auf einen Termin mit Union Investment vor?

Norbert Mayer: Wir kennen die Portfoliomanager und Analysten von Union Investment bereits seit vielen Jahren. Daher sind uns viele Themen bekannt, die der Fondsgesellschaft wichtig sind. Der Kontakt zwischen unserer Abteilung Investor Relations und dem Portfoliomanagement ist rege – auch am Telefon oder auf Veranstaltungen.

Letzter Anknüpfungspunkt zwischen Union Investment und BMW vor der Hauptversammlung ist ein Gespräch zwischen Ingo Speich und Norbert Mayer zu Themen, die Speich im Namen der Anleger ansprechen wird.

Zwar ist BMW nach den Worten von Norbert Mayer um gegenseitiges Verständnis mit den Investoren bemüht. Doch Austausch bedeutet auch, nicht immer einer Meinung zu sein. Bleiben die Parteien einmal uneins, geht der Dialog anschließend dennoch weiter.

Stichwort Elektromobilität: BMW will künftig wieder verstärkt in Elektromobilität investieren. Stolz ist Bereichsleiter Norbert Mayer auf die hohe Eigenleistung in diesem Bereich. Für 2017 hat sich der Konzern vorgenommen, das 200.000. elektrifizierte Fahrzeug auf die Straße zu bringen.

Das klingt durchstrukturiert. Sind auf der Hauptversammlung dennoch spontane Reaktionen – zum Beispiel aufs Tagesgeschehen – denkbar?

Ingo Speich: Jede Hauptversammlung ist anders. Es gibt immer wieder Aspekte, die kurzfristig auftreten. Denken Sie etwa daran, dass am Morgen etwa eine Pressemittelung mit teils neuen Quartalszahlen veröffentlicht wird. Die müssen dann in die Rede eingehen. Eine gewisse Flexibilität brauchen wir deshalb. Es gehört auch zur Verantwortung des Redners, sich auf die Stimmung im Saal einzustellen. Ich erinnere mich an die Zeit kurz nach Fukushima, da ist die Stimmung auf der Hauptversammlung eines Energieversorgers einmal eskaliert. Sogar der Sicherheitsdienst musste eingreifen. Meine Rede habe ich dann bewusst sachlich gehalten.

Nach welchen Kriterien bewerten Sie Unternehmen?

Ingo Speich: Es gibt zwei Aspekte. Das eine ist das Abstimmverhalten auf einer Hauptversammlung: Dafür ist die sogenannte Proxy-Voting-Policy, unsere Abstimmrichtlinie maßgeblich. Jeder Anleger kann sie auf unserer Website transparent einsehen, übrigens auch das Abstimmergebnis im Nachgang der Hauptversammlung. Die Rahmenbedingungen für die Rede sind breiter gehalten. Bewusst nehmen wir neben klassischen Governance-Aspekten soziale und Umweltaspekte auf. Denn in Deutschland gibt es leider in der Hauptversammlung keinen Agendapunkt zur Nachhaltigkeit. Bei BMW geht es hier etwa um Kohlendioxidemissionen sowie darum, wie man mit Elektromobilität durchstarten möchte und die wo Hürden liegen.

„Jede Hauptversammlung ist anders. Es gibt immer wieder Aspekte, die kurzfristig auftreten. Denken Sie etwa daran, dass am Morgen etwa eine Pressemittelung mit teils neuen Quartalszahlen veröffentlicht wird."
Ingo Speich, Union Investment

Wie geht man in München mit der Absenkung der CO2-Grenzwerte bis 2021 um?

Norbert Mayer: Viel früher als unsere Wettbewerber haben wir mit EfficientDynamics an der Senkung der CO2-Emissionen gearbeitet und bereits eine entsprechende Reduktion der Flottenwerte erreicht. Seit 1996 haben wir unsere CO2-Emissionen im Flottendurchschnitt in Europa um über 40 Prozent auf 124 Gramm pro Kilometer im Jahr 2016 gesenkt. Mit der Einführung der BMWi-Modelle und weiterer Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge werden wir die nächste Stufe der Emissionsvermeidung vollziehen. Unsere aktuelle Performance bestätigt diese Ausrichtung. Bis November 2016 hatten wir bereits unser 100.000. elektrifiziertes Fahrzeug (seit Marktstart BMW i3 Ende 2013) auf die Straße gebracht. Der Absatz elektrifizierter Fahrzeuge (BMW i und iPerformance) 2016 lag bei über 62.000 Einheiten – und damit um 92 Prozent über dem Vorjahrswert.

Beispiel HV 2016: Herr Mayer, inwiefern war die Kritik an der Nachhaltigkeits- und Produktstrategie berechtigt?

Norbert Mayer: Wir haben unsere Argumente vorgetragen und erklärt, wie wir die CO2-Anforderungen erfüllen und die Antriebstechnologien weiterentwickeln wollen. Es ist an der Zeit, mit dem nächsten Schritt die von BMW i erschlossene Technologie zur rein batterieelektrischen E-Mobilität wie geplant in unsere Premium-Marken zu überführen und breiter auszurollen.

Ingo Speich

Ingo Speich ist seit 2004 Senior Portfoliomanager und seit 2006 Leiter Nachhaltigkeit bei Union Investment.

„Es ist an der Zeit, mit dem nächsten Schritt die von BMW i erschlossene Technologie zur rein batterieelektrischen E-Mobilität wie geplant in unsere Premium-Marken zu überführen und breiter auszurollen.“
Norbert Mayer, BMW
Norbert Mayer

Norbert Mayer leitet seit 2010 den Bereich Konzernfinanzwesen der BMW Group.

Herr Speich, war Ihre Rede 2016 eine Art „Eskalationsstufe“, weil Sie das Gefühl hatten in Investorengesprächen nicht gehört zu werden?

Ingo Speich: Für mich ist es Tagesgeschäft, so mit Unternehmen zu sprechen – für die Unternehmen kann es aber durchaus eine Eskalationsstufe sein. Dass scharfe Kritik geäußert wird, ist für viele etwas Besonderes und der Klartext, den man da spricht, nicht Jedermanns Sache. Als wir 2009 begannen, systematisch unsere Hauptversammlungsvorträge auszubauen, sorgte das in einigen Unternehmen zunächst für Lernbedarf. Es kam sogar vor, dass Vorstände mit der persönlichen Ansprache Schwierigkeiten hatten. Nach und nach hat man sich ein dickeres Fell zugelegt, übrigens auch ich selbst.

Wie reagiert BMW auf kritische Töne?

Norbert Mayer: Zu jedem Gespräch gehört der konstruktive und auch kritische Austausch. Nicht immer ist man einer Meinung. Wir arbeiten jedoch daran, durch den Austausch von Argumenten und Fakten das gegenseitige Verständnis mit unseren Investoren zu entwickeln. Das gelingt meistens, aber nicht immer. Wenn man sich mal nicht einig wird, dann ist das aber auch kein Problem. Beide Seiten knüpfen dann im nächsten Gespräch wieder daran an und nehmen den Dialog wieder auf.

Herr Speich, welche Entwicklungen bei BMW im vergangenen Jahr führen Sie auf Ihr aktives Aktionärstum zurück?

Ingo Speich: BMW war mit Elektromobilität sehr früh unterwegs – vielleicht einen Tick zu früh. Dann hat man vorerst pausiert. Nun hat sich der Konzern auf diesem Gebiet aber deutlich bewegt und ist unserer Kernforderung nachgekommen: So hat BMW im Spätsommer bekanntgegeben, wieder verstärkt in Elektromobilität zu investieren und sie über die Produktpalette hinweg auszurollen. Ein weiterer positiver Aspekt: In puncto Nachhaltigkeit ist der Konzern im Automobilsektor meiner Meinung nach am weitesten entwickelt. Auch so etwas sprechen wir in Hauptversammlungen an.

Bekommen Sie auch Rückmeldung von den Anlegern?

Ingo Speich: In Hauptversammlungen kommt es vor, dass Kunden oder Anleger die Rede gut fanden. Gerade bei Energieversorgern, die in einem sehr polarisierenden Sektor arbeiten, kommen hier und da aber auch Anfeindungen. Auch in der Automobilindustrie wird inzwischen über das eigentliche thematische Feld von Hauptversammlungen hinaus diskutiert. So nimmt etwa die Rolle von NGOs zu.

Norbert Mayer

Der Kapitalmarkt zweifelt am Geschäftsmodell etablierter deutscher Automobilkonzerne, doch Norbert Mayer betont die Erfolge.

Ingo Speich zeigt sich zuversichtlich, dass Automobilkonzerne ihren Erfolg künftig verteidigen können. Der Prozess dahin werde allerdings schmerzhaft und teuer.

Auch die Themen in der Automobilindustrie unterscheiden sich von früheren.

Norbert Mayer: Unsere Wertschöpfung etwa hat sich geändert. Aktuell bezieht BMW Batteriezellen in Asien; um auch die Beurteilungskompetenz im Haus zu halten, betreiben wir eigene Batteriezellen-Forschung. Zugeliefert werden lediglich die Zellen, ansonsten handelt es sich bei den Hochvoltspeichern um eine komplette Eigenentwicklung und Produktion. Kein Wettbewerber hat eine höhere Eigenleistung bei Elektromobilität.

Ingo Speich: Insgesamt erleben wir dennoch einen Paradigmen-Shift, in dem das Know-how etablierter Unternehmen infrage gestellt wird. Das sieht man auch an der Börse: Die Aktien von BMW, VW und Daimler sind im historischen Vergleich extrem niedrig bewertet. Der Kapitalmarkt hat Zweifel daran, ob das Geschäftsmodell noch lange trägt. Zugleich scharren die Wettbewerber im Sillicon Valley mit den Füßen.

Ist BMW von Unternehmen wie Tesla überholt worden?

Norbert Mayer: Wir waren immer schon ein leistungsorientiertes Unternehmen. Statt in erster Linie auf den Wettbewerb zu schauen, konzentrieren wir uns vor allem darauf, wie wir bei der Umsetzung unserer eigenen Ziele vorankommen. Das Ziel ist, den zukünftigen Erfolg durch entsprechende Vorleistungen und Strategieprojekte sicherzustellen. Wir haben uns früher als viele andere Unternehmen mit der E-Mobilität beschäftigt und mit BMWi eine Submarke eingeführt. Ergebnis ist, dass wir Ende 2017 unser 200.000. elektrifiziertes Fahrzeug ausliefern werden. Da wollen wir aber nicht stehen bleiben, weshalb wir uns mit der Strategie Number One > Next einen flexiblen Rahmen gesetzt haben, in dem wir auch in Zukunft schnell und punktgenau auf ein volatiles Umfeld reagieren können. Denn unsere Welt verändert sich viel zu unvorhersehbar, als dass wir eine Strategie heute in Stein meißeln und dann zehn Jahre lang stur ausführen könnten – schließlich hängt die Entwicklung auch von kaum vorhersagbaren regulatorischen Entwicklungen ab.

Werfen wir dennoch einen Blick ins Morgen.

Norbert Mayer: Unser Anspruch ist und bleibt es, die Nummer eins im Premiummarkt zu sein. Die Beibehaltung der Profitabilität ist uns dabei aber genauso wichtig wie zügige Marktpräsenz. Damit kommen wir nach unserem Verständnis auch den berechtigten Interessen der Investoren entgegen. Für 2017 haben wir uns zum Ziel gesetzt, weitere 100.000 elektrifizierte Fahrzeuge an Kunden auszuliefern. Die Spitzenposition bedeutet für uns aber auch Kontinuität bei Rendite und Ergebnis. So liegen wir seit sieben Jahren in Folge in oder über unserem Rendite-Zielkorridor für das Segment Automobile. Das gibt uns die finanzielle Kraft, um uns konsequent auf die zukünftigen Herausforderungen vorzubereiten.

Ingo Speich: A und O sind CO2-Emissionen, die Regulierung durch CO2-Emissionen und der damit verbundene Druck auf die Autokonzerne, ihr Geschäftsmodell in Richtung Elektromobilität zu ändern. Wir sind zuversichtlich, dass sich die Autokonzerne ihren Erfolg künftig verteidigen können. Das wird allerdings ein schmerzhafter und auch teurer Prozess.

Hoher Rendite, hoher Anspruch: BMW will auch in Zukunft die Nummer eins im Premiummarkt sein.