zum Seitenanfang
Panorama

„Die deutsche Wirtschaft muss eine Aufholjagd starten"

Wie kann ein großes Unternehmen wie Union Investment Megatrends wie die Digitalisierung für sich nutzen, neue Ideen entwickeln und diese umsetzen? Im Interview erklärt Christoph Keese, Publizist, wie Unternehmen innovatives Denken fördern und systematisieren können.

Viele deutsche Unternehmen haben die Digitalisierung verpasst, sagen Sie. Worauf führen Sie das zurück?

Auf die früheren Erfolge. Die Automobilindustrie, Chemieindustrie und viele andere Branchen haben sich in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren sehr erfolgreich entwickelt. Sie brauchten die Digitalisierung nicht, um sich am Markt zu behaupten. Inzwischen haben wir es aber mit einem alle Branchen umfassenden Megatrend zu tun. Länder wie die USA oder China haben das früh erkannt und die Führung übernommen. Jetzt drängen sie in die klassischen deutschen Leitindustrien. Deswegen muss die deutsche Wirtschaft mit 15 Jahren Verspätung eine Aufholjagd bei der Digitalisierung starten.

Christoph Keese

Christoph Keese ist Wirtschaftswissenschaftler und Journalist, in der Axel Springer SE verantwortet er den Bereich der Digitalisierung.

Wo sehen Sie am meisten Nachholbedarf?

Woran es mangelt, ist ein Denken in modernen und alternativen Geschäftsmodellen. Das in Deutschland am weitesten verbreitete Geschäftsmodell besteht darin, Maschinen zu bauen und sie zu verkaufen. Danach kommt es – außer bei der Wartung – kaum noch zum Kontakt mit den Kunden. Das reicht aber nicht mehr aus. Hinzu kommt die mangelnde Vernetzung zwischen Fachdisziplinen, die nichts miteinander zu tun haben.

Das müssen Sie näher erklären.

Die entscheidenden Branchen der Zukunft stehen an den Schnittstellen von unterschiedlichen Disziplinen – beispielsweise Neurologie an der Schnittstelle zur Elektronik oder Gesundheitsforschung an der Schnittstelle zur Cloud. Wo sich Grundlagentechnologien verbinden, erkennen wir, wie dort neue Milliardenbranchen entstehen. In den vergangenen zehn Jahren hat es das iPhone vorgemacht, dem die Verbindung von Telefon und Computer gelungen ist. So entsteht aus verschiedenen Branchen eine andere.

Sehen Sie solche Ansätze auch in Deutschland?

Ja, es gibt in Deutschland eine lebhafte Gründerszene. Dort hat man es sehr häufig mit interdisziplinärem Arbeiten zu tun. In traditionellen Unternehmen geht das etwas langsamer. Aber das ist auch nicht schlimm, wenn man die Start-up-Branche als eine Art ausgelagerte Entwicklungsstätte begreift. Im Silicon Valley ist es ganz normal, dass Start-ups von traditionellen Unternehmen aufgekauft werden. Denn warum sollen Innovationen nicht von außen kommen?

„Start-ups handeln zukunftsorientiert, wodurch sie schneller sind und ihre Produkte innovativ bleiben."
Christoph Keese, Axel Springer

Konkreter gedacht, hieße das ...

… Unternehmen müssen sich aufteilen. Zum einen gilt es, die Innovation zu erhalten, also das Stammgeschäft zu pflegen und zu digitalisieren. Zum anderen braucht es disruptive Ideen, die das Stammgeschäft angreifen und zu neuen Innovationen führen. Die Erfahrung zeigt, dass man beides nicht aus dem traditionellen Unternehmen heraus leisten kann. Es gibt in Deutschland auch schon große Unternehmen, die auf eine disruptive Einheit außerhalb setzen. Siemens hat zum Beispiel die eigenständige Einheit „next 47“ gegründet, um disruptive Ideen zu fördern und neue Technologien schneller voranzutreiben.

Mit anderen Worten: Zu viel Gründermentalität tut Unternehmen nicht gut?

Große Unternehmen brauchen nur wenig davon, denn sie sind prozessorientiert – und das ist auch gut so. Denn so können sie Prozesse sauber, bindend und effizient abwickeln. Start-ups handeln dagegen zukunftsorientiert, wodurch sie schneller sind und ihre Produkte innovativ bleiben. Letztlich müssen sich beide Welten als eigenständige Einheiten ergänzen. Wie das funktioniert, zeigen Start-up-Standorte wie Silicon Valley oder Tel Aviv.

Sonnenuntergang mit Palmen

Im Silicon Valley leben 2,3 Mio. Menschen, hier werden rund ein Siebtel (13,9 Prozent) des gesamten US-amerikanischen BIPs erwirtschaftet.

„Berlin ist auf einem guten Wege, aber im Silicon Valley gibt es ungefähr zehnmal so viele Start-ups."
Christoph Keese, Axel Springer
Autobahn

Tel-Aviv entwickelt sich zu einem Hotspot des Technologiesektors. Auf 431 Einwohner der Stadt kommt ein Start-up.

Was unterscheidet das Silicon Valley von Berlin?

Die Größe und Funktionalität. Berlin ist auf einem guten Wege, aber im Silicon Valley gibt es ungefähr zehnmal so viele Start-ups. Berlin beherbergt mittlerweile ein Drittel aller deutschen Start-ups, und rund die Hälfte des Wagniskapitals in Deutschland fließt in die Hauptstadt. Das ist zwar ein Achtungserfolg in Europa, aber im Vergleich zum Silicon Valley und Tel Aviv doch eher wenig. In den USA werden pro Jahr etwa 60 Milliarden Dollar Wachstumskapital ausgegeben. In Israel 3,6 Milliarden Dollar und in Deutschland rund 0,7 Milliarden Dollar. Damit sind wir weit abgeschlagen. Diese Finanzierung ist der große Unterschied.

Und wo sehen Sie die Vorteile des Wirtschaftsstandorts Deutschland?

In der Produktionsstärke. Wenn wir es schaffen, die Premiumproduktion mit den Stärken des digitalen Denkens und der Vernetzung unterschiedlicher Disziplinen zu kombinieren, haben wir etwas, was niemand hat. Denn die Kalifornier haben keine Produktion. Die sind quasi „design only“ und wir sind Design und Produktion. Wenn wir also beides kombinieren, haben wir die besseren Voraussetzungen.