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Portfoliomanagement

Wenden, Wirren, Wirkungen

Welche Herausforderungen und Lehren das Börsenjahr 2016 für Investoren bereithielt

Vielleicht wird man in der Rückschau 2016 einmal als Epochenjahr bezeichnen. Das Potenzial wäre vorhanden. Brexit und Trump-Wahl waren sicherlich besonders prägnante Wegmarken. Aber auch darüber hinaus kam es zu bemerkenswerten Entwicklungen: Die Globalisierung scheint nach 25 Jahren ihren Scheitelpunkt erreicht zu haben, die Phase immer weiter fallender Renditen bei sicheren Staatsanleihen geht nach 35 Jahren zu Ende. Als wäre das nicht genug, vollzog mit der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) die weltweit tonangebende Zentralbank die Wende bei den Leitzinsen – nach annähernd einer Dekade des Lockerungskurses.

Trendbrüche prägten das Börsenjahr. Die Herausforderung: Abrupte Richtungswechsel an den Kapitalmärkten in schneller Folge.

Trendbrüche prägten also das Börsenjahr – auf völlig unterschiedlichen Feldern und doch zur gleichen Zeit. Abrupte Richtungswechsel an den Kapitalmärkten in schneller Folge waren die Konsequenzen dieses unruhigen Umfelds. Für Investoren ist eine solche Situation besonders anspruchsvoll. Überhastete Kurskorrekturen müssen ebenso vermieden werden wie verspätete Reaktionen auf veränderte Situationen – ein schwieriger Spagat.

Vor allem die Gleichzeitigkeit der Umbrüche hat dazu geführt, dass die Kapitalmärkte mitunter kontraintuitiv, ja scheinbar paradox auf bestimmte Ereignisse reagiert haben. Das hat es auch dem Fondsmanagement von Union Investment nicht leicht gemacht. Nicht bei allen Fonds konnten die angepeilten Ergebnisse erreicht werden.

Das vergangene Börsenjahr zeigt damit – einmal mehr – die Notwendigkeit der ständigen Weiterentwicklung von Strukturen, Prozessen und Instrumenten. Wir bei Union Investment verstehen diese Umbrüche als professionelle Herausforderung, vor allem aber auch als Auftrag im Sinne unserer Kunden.

Politische Ereignisse wie der Brexit und die Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten prägten auch das Börsenjahr.

Innovation ist kein endlicher Prozess, schon gar nicht im Fondsmanagement.

Der Abgasskandal bei VW beeinflusste das Börsengeschehen 2016; die Aktie verlor massiv.

Schon seit mehreren Jahren steht die systematische Kompetenzverzahnung über alle Assetklassen hinweg im Mittelpunkt unserer Weiterentwicklungsaktivitäten. Zunehmend komplexe, schnelle und instabile Kapitalmärkte erfordern einen ganzheitlichen Blick – diese Herangehensweise hat auch vor 2016 schon gut funktioniert. Eine zweite Stoßrichtung zur Bewältigung der gewachsenen Herausforderungen ist die Verfeinerung der Researchmethoden, etwa durch den Einsatz von Smart Data. Wir glauben, dass in einer sich immer schneller ändernden Kapitalmarktwelt hier der Schlüssel zum Erfolg liegt.

Dennoch: 2016 war ein schwieriges Kapitalmarktjahr! Wir sind trotzdem – oder sogar genau deshalb – überzeugt, dass die von uns eingeschlagene Richtung stimmt. Die Anstrengungen wurden nochmals gesteigert und auf weitere Felder ausgedehnt. Konkret betrifft das beispielsweise die organisatorische Ausgestaltung des Multi-Asset-Bereichs, der künftig noch fokussierter und gleichzeitig interdisziplinärer arbeiten wird.

Auch die stärkere Einbindung des Nachhaltigkeitsresearches in die klassische Finanzanalyse folgt diesem Prinzip, nämlich der Berücksichtigung möglichst vieler Aspekte beim Treffen von Anlageentscheidungen. Und schließlich haben wir auch bei der Erfassung kapitalmarktrelevanter Daten einen großen Schritt nach vorne gemacht und etwa mit dem „Flow Cockpit“ ein Instrument zur Analyse von Kapitalströmen eingeführt.

Innovation ist kein endlicher Prozess, schon gar nicht im Fondsmanagement. Bei Union Investment sind wir uns dieser Tatsache sehr bewusst – und arbeiten umso intensiver an der kontinuierlichen Verbesserung von Abläufen, Instrumenten und Kompetenzen.

Nach dem Amtswechsel im Weißen Haus wurde auf der UN-Klimakonferenz in Marrakesch deutlich, dass die Welt möglicherweise vor der Neuordnung steht. So ist etwa eine stärkere Rolle Chinas vorstellbar.

Zum Interview mit Björn Jesch

Björn Jesch leitet seit September 2012 das Segment Portfoliomanagement mit mehr als 250 Mitarbeitern und rund 218 Mrd. € verwaltetem Anlagevolumen. Er ist zudem Vorsitzender des Union Investment Committees (UIC), das die Kapitalmarktstrategie von Union Investment formuliert. Wir sprachen mit ihm über das Börsenjahr 2016 und seine Erwartungen für die Zukunft der Kapitalmärkte.

Herr Jesch, 2016 hielt für Investoren eine Reihe von Herausforderungen bereit. Wie fällt in der Rückschau Ihre Bewertung aus?

Es war in der Tat ein außerordentliches Jahr. Angefangen von dem turbulenten Start in den Januar bis hin zur Trump-Rally gegen Ende herrschte phasenweise eine sehr, sehr hohe Dynamik an den Börsen. Allerdings hatten wir auch recht lange Strecken, an denen die Märkte wenig Bewegung zeigten. Abrupte Tempo- und Richtungswechsel waren also kennzeichnend für 2016.

Hat Sie das überrascht?

Nur zum Teil. Die Kapitalmärkte sind komplexer und anfälliger für Schocks geworden. Das wissen wir schon seit einiger Zeit. Deshalb haben wir uns im Portfoliomanagement in den vergangenen Jahren auch systematisch weiterentwickelt. Das wichtigste Stichwort lautet in diesem Zusammenhang „Kompetenzverzahnung“, denn in einer unübersichtlichen Welt kann niemand mehr Experte für alles sein. Die Etablierung des Union Investment Committees im Herbst 2012 war dazu ein erster Schritt, dem seither viele weitere gefolgt sind. Diese Evolution dient eben genau der Anpassung an ein verändertes Investmentumfeld.

„Wir setzen stärker Kompetenzverzahnung, denn in einer unübersichtlichen Welt kann niemand mehr Experte für alles sein.“
Björn Jesch

Haben sich die Maßnahmen Ihrer Meinung nach bewährt?

Was die Zeit bis einschließlich 2015 angeht: eindeutig ja! Für 2016 gilt das im Prinzip auch, allerdings mit kleinen Abstrichen.

Was war im vergangenen Jahr anders?

Die Heftigkeit der Umbrüche in ganz unterschiedlichen Bereichen zur gleichen Zeit, gepaart mit teilweise kontraintuitiven, fast schon paradoxen Marktreaktionen. Nehmen Sie die Europäische Union als Beispiel: Wir feiern 2017 den 60. Jahrestag der Römischen Verträge. Fast ein Menschenleben lang kannte die EU nur eine Richtung, nämlich eine immer tiefere Integration für immer mehr Staaten. Spätestens mit dem Brexit ist es aber zu einem fundamentalen Bruch gekommen, die Rahmenbedingungen für die europäischen Kapitalmärkte stehen plötzlich auf dem Prüfstand. Das sind Veränderungen einer ganz anderen Qualität, als wir sie früher gewohnt waren.

Wie stellen Sie sich als Leiter des Portfoliomanagements darauf ein?

Indem wir den eingeschlagenen Weg konsequent weiterverfolgen und uns nicht auf den bisher getroffenen Maßnahmen ausruhen. Wir brauchen mehr Vernetzung und – davon bin ich überzeugt – mehr Information. Vor allem benötigen wir aber auch eine andere Sicht auf die Dinge, müssen also gewissermaßen unseren Horizont ständig erweitern.

Was meinen Sie damit konkret?

In den vergangenen Jahren hat sich die Investorenlandschaft deutlich verändert, modellgetriebene Akteure haben beispielsweise erheblich an Bedeutung gewonnen und bestimmten in manchen Marktphasen die Kurse spürbar mit. Darauf haben wir schon reagiert, indem wir entsprechende Positionierungsdaten erheben, verdichten, auswerten und schließlich in unsere Anlageentscheidungen mit einfließen lassen. An diesem Beispiel wird deutlich, wie wir unseren Investmentprozess auf eine immer breitere Faktenbasis stellen. Hier sind wir mit Sicherheit noch nicht am Ende des Weges angelangt.

„Smart Data wird auch für uns immer wichtiger. Aber nicht alle Daten sind auch investmentrelevant. Wir erhoffen uns aber davon tiefere Erkenntnisse darüber, wie die Welt und die Märkte funktionieren."
Björn Jesch

Wo liegen aktuell weitere Schwerpunkte?

Ein wichtiger Aspekt ist die Integration unseres Nachhaltigkeitsresearches in die klassische Fundamentalanalyse. Seit dem Herbst 2016 haben wir im Portfoliomanagement mit dem „ESG Committee“ ein Gremium etabliert, in dem bereichsübergreifend Experten über die Themen Ökologie, Soziales und Governance sprechen – und dann auch Empfehlungen treffen, die für das gesamte Portfoliomanagement Gültigkeit haben. Spätestens seit den diversen Skandalen, Rechtsstreitigkeiten und Strafzahlungen von Banken oder Autoherstellern dürfte jedem klar sein, warum diese Themen auch performancerelevant sind.

Welche Projekte verfolgen Sie mit Blick auf das Jahr 2017?

Aktuell beschäftigen wir uns stark mit dem Thema „Smart Data“. Das ist natürlich ein weites Feld und reicht potenziell von der Auswertung monatlicher Analysten-Telefonkonferenzen über Social-Media-Inhalte bis zu Parkplatzbelegungen vor Möbelhäusern in China als Konjunkturindikator. Klar ist: Nicht alles, was man erheben kann, ist auch investmentrelevant. Aber die Möglichkeiten sind sehr vielfältig und wir erhoffen uns davon tiefere Erkenntnisse darüber, wie die Welt und die Märkte funktionieren. 

Wie sind Ihre Erwartungen an das laufende Börsenjahr?

Es bleibt turbulent, so viel ist klar. Aber wir sind gut aufgestellt, um das Jahr erfolgreich zu meistern.

Zum Interview mit Dr. Frank Engels

Seit Jahresanfang 2017 ist Dr. Frank Engels im Portfoliomanagement zuständig für den Bereich Multi Asset. Zuvor leitete er fünf Jahre lang das Rentenfondsmanagement bei Union Investment. Wir sprachen mit ihm über seinen Rollenwechsel und die Perspektiven von Multi-Asset-Anlagen im aktuellen Umfeld.

Herr Dr. Engels, Sie haben zum Jahreswechsel die Leitung des neu strukturierten Bereichs Multi Asset übernommen. Nach langen und erfolgreichen Jahren auf der Rentenseite ein schwerer Schritt für Sie?

Ja und nein. Mir hat meine alte Funktion als „Rentenchef“ enorm viel Spaß gemacht, und gemeinsam, als Team konnten wir in den vergangenen Jahren viel für unsere Kunden bewegen. Gleichzeitig reizt mich aber auch die neue Herausforderung, in diesem komplexen Umfeld die Verantwortung für den Multi-Asset-Bereich zu übernehmen. Denn eins ist klar: Dieses Feld wird perspektivisch stark an Bedeutung gewinnen.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Zwei Punkte spielen hier eine Rolle: der Markt und die Kundenbedürfnisse. An der Börse haben wir in den letzten Jahren eine Mischung aus schnellen Trend- und Favoritenwechseln sowie insgesamt graduell abflachenden Renditemöglichkeiten gesehen. Das galt übrigens nicht nur für die Rentenseite, sondern auch für die Aktien- und Rohstoffmärkte. Flexible Investmentkonzepte werden daher zum Schlüssel für eine erfolgreiche und zugleich effiziente Kapitalanlage. Gleichzeitig haben sich die Kundenbedürfnisse stärker ausdifferenziert: Schwankungssteuerung, Ausschüttungsorientierung oder absolute Ertragswünsche sind nur ein paar Beispiele für neu hinzu gekommene Ziele.

Und für beide Trends bieten Multi-Asset-Konzepte eine Lösung?

Genau so ist. Natürlich gibt es nicht den einen, für alle Ansprüche passenden Fonds. Aber wir verfügen bei Union Investment über eine breite Palette an Lösungen, sodass wir ein großes Feld abdecken und den Kunden maßgeschneiderte Lösungen anbieten können.

„An den Börsen sahen wir in der letzten Zeit abflachende Renditemöglichkeiten. Flexible Investmentkonzepte werden daher zum wichtigen Schlüssel einer erfolgreiche und zugleich effiziente Kapitalanlage."
Dr. Frank Engels

Wo sehen Sie am meisten Nachholbedarf?

In der Vernetzung unterschiedlichster Kompetenzen. Damit Multi-Asset-Ansätze ihre Stärken voll ausspielen können, benötigt man einen 360-Grad-Blick auf die Kapitalmärkte.

Da ist Ihre „Herkunft“ aus dem Rentenbereich ja sicher von Vorteil, oder?

Das stimmt. Denn sowohl der Rentenbereich als auch der Multi-Asset-Bereich sind relativ stark von Top-Down Risikomanagement geprägt. In diesem Zusammenhang lag ein Schwerpunkt der ersten Wochen in meiner neuen Verantwortung darin, den Investmentprozess zu schärfen. Konkret ging es darum, das herrschende Kapitalmarktregime noch gezielter in Investmentthemen und skalierbare Trade-Ideen zu übersetzen und dabei den Austausch zwischen Aktien-, Renten-, Währungs- und Rohstoffexperten zu intensivieren. Denn wir haben in den verschiedenen Bereichen des Portfoliomanagements eine Vielzahl erstklassiger Fachleute, deren Knowhow wir bereichsübergreifend noch effizienter nutzen können.

Welche Änderungen haben Sie darüber hinaus angestoßen?

Wir setzen insgesamt stärker auf eine im Zeitablauf dynamische Allokation marktneutraler Strategien und strategischer sowie taktischer Marktinvestments. Mit anderen Worten: wir hinterfragen bei Regimewechseln am Kapitalmarkt die Allokation und Skalierung aller Bausteine der Portfoliokonstruktion. Ein Beispiel hierzu: Alternative Risikoprämien wie z.B. Dividendenprämien-Strategien auf der Aktienseite, Carry-Strategien im FX-Bereich oder Kurvenstrategien im Rentenbereich ergeben nicht in jedem Kapitalmarktumfeld gleich viel Sinn. Daher sollte ihre relative und absolute Gewichtung im Zeitablauf variieren. Das werden wir künftig deutlich aktiver handhaben.

„Wir arbeiten stark interdisziplinär und verfügen über ein höheres Kundenverständnis. Das zeigt sich an den passend zugeschnittenen Fonds für unsere Kunden.“
Dr. Frank Engels

Was erhoffen Sie sich davon?

Eine stringentere Ausrichtung der Portfolios an unserer Markteinschätzung, und damit letztendlich mehr Performance, resultierend aus sowohl Alphaquellen als auch gezieltem Exposure zum Markt-Beta.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Vorteile von Union Investment im Vergleich zu anderen Asset Managern?

Wir arbeiten in einem Maße interdisziplinär, wie es in Deutschland seinesgleichen sucht. Silodenken ist bei uns schon lange Geschichte. Ich glaube außerdem, dass wir über ein höheres Kundenverständnis als viele andere Asset Manager verfügen – und das merkt man auch an den sehr gut auf die Kundenbedürfnisse zugeschnittenen Fonds von Union Investment. Zu guter Letzt haben wir im Portfoliomanagement eine gut funktionierende Balance zwischen Freiheit des Fondsmanagers und übergeordneter Orientierung an der Anlagestrategie des Union Investment Committees gefunden. Das zeichnet uns aus.